Erstaunliches zur Arbeitszeitentwicklung

Von Graf Zinzendorf ist folgendes Zitat übermittelt, daß die existentielle Bedeutung der Arbeit in der Neuzeit offenbart: „Man arbeitet nicht allein, dass man lebt, sondern man lebt um der Arbeit willen, und wenn man nichts mehr zu arbeiten hat, so leidet man oder entschläft.“ Infolge dieser, auch religiös motivierten Überbetonung des Arbeitens, nimmt es nicht Wunder, daß die Arbeitszeit in der industriellen Revolution im Vergleich zum Mittelalter extrem stark anstieg, wie Juliet B. Schor in The Overworked American: The Unexpected Decline of Leisure ausführt:

13th century – Adult male peasant, U.K.: 1620hours
14th century – Casual laborer, U.K.: 1440 hours
Middle ages – English worker: 2309 hours
1400-1600 – Farmer-miner, adult male, U.K.: 1980 hours
1840 – Average worker, U.K.: 3105-3588 hours
1850 – Average worker, U.S.: 3150-3650 hours
1987 – Average worker, U.S.: 1949 hours
1988 – Manufacturing workers, U.K.: 1856 hours
Quelle: http://groups.csail.mit.edu/mac/users/rauch/worktime/hours_workweek.html

Dieses Muster bestätigen die Daten von zwei weiteren einschlägigen Publikationen. In „The Town Laborer“ berichten die Autoren J.L. und Barbara Hammond vom dramatischen Wandel des Arbeitsalltages während der industriellen Revolution. Über die damals übliche Arbeitszeit berichten sie wie folgt: „The fourteen or fifteen hours’ confinement for six days a week were the ‚regular’ hours; in busy times hours were elastic and sometimes stretched to a length that seems almost incredible. Work from 3 a.m. to 10 p.m. was not unknown; in Mr Varley’s Mill, all through the summer they worked from 3.30 a.m. to 9.30 p.m.“ Der 14- oder 15-Stunden-Tag im Winter und der 18-Stunden-Arbeitstag im Sommer wurde nur von kurzen Pausen unterbrochen. Die rastlosen Maschinen bestimmten das Arbeitstempo und setzten die Arbeiter unter unmenschlichen Streß. Jeder kleiner Fehler, jede noch so kurze weitere Abwesenheit wurde mit Geldstrafen bestraft oder mit einer fristlosen Entlassung geahndet. (Ein typischer Strafenkatalog findet sich am Ende dieses Beitrages.)

Zum Vergleich sei aus dem Buch „Wirtschaftsgeschichte Österreichs auf der Grundlage abendländischer Kulturgeschichte“ von Prof.Tautscher die Arbeitszeitregelung eines Handwerkers angeführt, die in der „Tag- u. Lohnsatzung“ von Leopold I. am 17.Juni 1661 gesetzlich festgeschrieben wurde und in etwa den Regelungen im Spät-Mittelalter entsprochen haben dürfte:

  • von Georgi (24.April) bis Michaeli (29.September): von 4 Uhr früh bis 7 Uhr abends
  • von Michaeli bis Georgi: von Antritt des Tages bis zum Untergang der Sonne.
  • Dazu kamen im Sommer 3 Feyerstunden, im Frühling und Herbst 2 Feyerstunden und im Winter 1 Feyerstunde

Neben den Sonntagen waren noch mindestens 24 kirchliche Feiertage arbeitsfrei. Da die Handwerker ihre Maschinen selber betätigten, waren sie Herr über das Arbeitstempo. (Die angenehme Arbeitsatmosphäre der handwerklichen Produktionsmethode gegenüber der industriellen Fließbandarbeit betonen jene Freiwilligen, die mit mittelalterlichen Bautmethoden in jahrzehntelanger Arbeit eine Burg errichten. Siehe das Projekt im französischen Guédelon. Ähnliche Projekte gibt es mittlerweile auch im kärntnerischen Friesach und im baden-würtembergischen Meßkirch.)

In wirtschaftshistorischen und wirtschaftstheoretischen Debatten wird von Verteidigern der industriellen Revolution häufig das Argument vorgebracht, die industrielle Revolution habe dank des technologischen Fortschrittes die Arbeitszeit schrittweise verkürzt. Diese Aussage übersieht jedoch, daß es im Zuge der industriellen Revolution zunächst zu einem deutlichen Anstieg der Jahresarbeitszeit gekommen war. Daher ist das von liberalen Ökonomen häufig vorgebrachte materialistische Argument, die seither eingetretene Arbeitszeitverkürzung wäre ausschließlich die Folge der höheren Produktivität der Arbeitskraft nicht stichhaltig.

Es sind die Ideen, die motivgebend für unsere Handlungen sind. Überall dort, wo die Arbeit oder ihr Ertrag ihre Mittelhaftigkeit verlieren und zum Selbstzweck hochstilisiert werden, ist es wenig überraschend, daß überdurchschnittlich viel Zeit der Arbeit gewidmet wird. Und überall dort, wo die menschliche Tätigkeit an sich verpönnt ist, um das andere Extrem zu nennen, vegetieren die Menschen auf niedrigstem Niveau vor sich hin.

Das rechte Maß erhält die Arbeit aus der Zielbestimmung der äußeren Güter, die zur seelisch-geistigen Erbauung des Menschen verwandt werden sollen. Mindestmaß ist die Sicherstellung des Überlebens der Familie, weswegen der Mensch auch zur Arbeit verpflichtet ist, wobai das Christentum der Arbeit die ihr zustehende Würde verleiht, da die Arbeit Mitarbeit an der Vervollkommnung der göttlichen Schöpfung (lat. perfectio) ist.

Anhang:

"a spinner at Tyldesley, near Manchester, who worked in a temperature of 80 to 84 degrees [Fahrenheit; ca. 26-29 Grad Celsius; Anm.], and was subject to the following penalties:  

Any spinner found with his window open: 1s 
Any spinner found dirty at his work: 1s
Any spinner found washing himself: 1s 
Any spinner leaving his oil can out of its place: 1s 
Any spinner repairing his drum banding with his gas lighted: 2s 
Any spinner slipping with his gas lighted: 2s
Any spinner putting his gas out too soon: 1s 
Any spinner spinning with gaslight too long in the morning:2s 
Any spinner having his lights too large for each light: 1
Any spinner heard whistling 1s 
Any spinner having hard ends hanging on his weights: 6d
Any spinner having hard ends on carriage band: 1s
Any spinner being five minutes after last bell rings: 1s 
Any spinner having roller laps, no more than two draws for each roller lap: 6d 
Any spinner going further than the roving-room door when fetching rovings: 1s 
Any spinner being sick and cannot find another spinner to give satisfaction must pay for steam per day: 6s 
Any spinner found in another's wheel gate: 1s 
Any spinner neglecting to send his sweepings three mornings in the week: 1s 
Any spinner having a little waste on his spindles: 1s

Quelle: Hammond and Hammond: The Town Labourer, S. 19f., den "Political Register" vom 30.August 1823 zitierend.

Das Tageseinkommen eines Handwerkers betrug 1832 rund 42 Pence (1 Pfund=20 Shilling=240 Pence). Eine Strafe von 1s entsprach somit dem Lohn von 6 Tagen. (Quelle: gpih.ucdavis.edu/files/England_1209-1914_(Clark).xls)
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