Rezension: Guido Hülsmann: „Krise der Inflationskultur: Geld, Finanzen und Staat in Zeiten der kollektiven Korruption“

von Gregor Hochreiter

InflationskulturSchon unzählige Male haben Politiker und Vertreter der Mainstream-Ökonomie die Wirtschafts- und Finanzkrise, die in den Euroländern durch die Einheitswährung Euro noch zusätzlich verschärft wird, für überwunden erklärt. Angesichts der Verstetigung und Verschärfung der Krise muß also davon ausgegangen werden, daß das vorherrschende volkswirtschaftliche Theoriengebäude auch oft Mainstream-Ökonomie genannte, weder zur richtigen Prognose und schon gar nicht zur Bewältigung dieser Krisen taugen. Insofern sind Publikationen heterodoxer Autoren eine in der heutigen Zeit besonders wichtige Bereicherung.

Mit „Krise der Inflationskultur: Geld, Finanzen und Staat in Zeiten der kollektiven Korruption“ legt Prof.Guido Hülsmann (Université d’Angers), der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie zählt, ein neues deutschsprachiges Buch vor, das trotz einiger, allen voran methodischer Schwächen, geeignet ist, zu der theoretischen wie wirtschaftspolitischen Debatte den einen oder anderen Aspekt beizutragen.

Die mit Sicherheit stärksten Passagen des Buches sind jene zur Entzauberung heute gängiger ökonomischer Statistiken sowie die Ausführungen zur Inflationskultur. Dieses Thema hatte Prof. Hülsmann bereits in seiner 2007 erschienen „Die Ethik der Geldproduktion“ kurz angerissen. Oberflächlichkeit und Schein, die weitere Ökonomisierung, Materialisierung und Politisierung der Gesellschaft, Kurzatmigkeit, Häßlichkeit sowie die Zentralisierung des Staates bei gleichzeitiger Atomisierung der Individuen zählen in den Augen von Prof. Hülsmann zu den beklagenswertesten Folgeerscheinungen der permanenten Inflationierung der Geldmenge. Und nach  Jahrzehnten der lockeren Geldpolitik haben sich die negativen Konsequenzen der Inflation gesellschaftlich so weit verfestigt, daß tatsächlich von einer Inflationskultur zu sprechen ist. Mittlerweile„sind die Ratgeber selber auch ein Teil dieser Kultur, und sie werden daher in der Regel wohl kaum das bemängeln, was als üblich gilt.“ (S. 239) Dies ist der eigentliche Grund, warum den Mainstream-Ökonomen schlichtweg die intellektuellen Mittel fehlen, um einen konstruktiven Beitrag zur Überwindung der Wirtschaftskrise zu leisten.

Von großem Interesse wären in diesem Zusammenhang einige Zeilen zu der Frage gewesen, warum Prof. Hülsmann das neuzeitliche Geldsystem als alleinigen Auslöser der Inflationskultur betrachtet und es nicht ebenfalls als Ausdruck einer gesellschaftlichen Abkehr vom Pfad der Tugend wertet. So hat eine sich individualisierende und das monetäre Einkommen als wichtigsten Bestimmungsfaktor gelungenen Lebens heranziehende Gesellschaft einen höheren Geld- und Kreditbedarf als eine Gesellschaft, die auf Mehr-Generationen-Familien, Regionalwirtschaft, kleinräumiger Solidarität, Saisonalität und Mäßigung beruht. Auch ist die im gesamten Buch wahrzunehmende und häufig explizit geäußerte alleinige Schuldzuweisung an den Staat und die Politik(er) in dieser Einseitigkeit sachlich und geschichtlich nicht gerechtfertigt. Selbst Ludwig von Mises, auf den sich Prof. Hülsmann häufig bezieht und über den er eine umfangreiche Biographie verfaßt hat, hält fest:

„Man darf die Kreditausweitung durch die Schaffung und Inverkehrsetzung von Umlaufsmitteln nicht ausschließlich als Ergebnis zielbewusster Eingriffe der Obrigkeit in die Gestaltung des Zinsfusses betrachten. Die Umlaufsmittel sind nicht aus wirtschaftspolitischen Bestrebungen entstanden. Als die Bankiers, die über anvertraute Gelder Empfangsbestätigungen ausgestellt hatten, die im Verkehr als Geldsurrogate verwendet wurden, dazu übergingen, einen Teil der verwahrten Gelder auszuleihen, hatten sie nichts anderes im Auge als ihren eigenen Vorteil. Sie hielten es für unbedenklich, nicht den ganzen Gegenwert der ausgegebenen Empfangsbestätigungen in barem Geld in ihrer Kasse bereit zu halten. Sie dachten, dass sie ihre Verpflichtung, die ausgegebenen Noten jederzeit ohne Verzug in Geld einzulösen, auch dann würden voll und pünktlich erfüllen können, wenn sie einen Teil der empfangenen Einlagen ausgeliehen hätten. Die Banknote ist in der rein geschäftlich-kaufmännischen Sphäre zum Umlaufsmittel geworden. An der Wiege der Kreditausweitung stand der Bankier und nicht die Obrigkeit.“ (Nationalökonomie: S. 692)

Ein Grund für die einseitige Schuldzuweisung an die Politiker liegt in der von Prof. Hülsmann vertretenen Auffassung, wonach eine „Marktregulierung der Geldmenge“ die Deckung der Banknoten wie auch sämtlicher Geldsubstitute wie Schecks, Sichtwechsel und Kreditkarten verlangt. (S. 24) Die auch von einigen anderen Vertretern der Österreichischen Schule wie Prof. de Soto, Prof. Bagus und David Howden unter Bezugnahme auf den dem römischen Recht bekannten Vertragstypus der uneigentlichen Verwahrung (lat. depositum irregulare) verfochtene Position, wonach bei diesem Rechtstypus der Verwahrer die hinterlegten Geldbeträge nicht verleihen oder eigennützig verwenden darf, ist jedoch nicht haltbar. Infolge der Sammelverwahrung geht das Eigentum und damit die Verfügungsgewalt an den Verwahrer über, weswegen die systematische Unterdeckung der Barreserve auf ein Fehlverhalten der verantwortlichen Eigentümer der Bank zurückzuführen ist. Mit ihrer Geschäftspolitik, die  in den Tresoren hinterlegten Gelder der Barreserve fruchtbar zu machen, gefährden die Geschäftsbanken bewußt die Gläubigerinteressen grob fahrlässig.

Die von Prof. Hülsmann geforderte Volldeckung der Geldsubstitute ist eigentumsrechtlich nicht begründbar, weswegen das Nicht-Verbot der Teildeckung auch nicht den für die Ordnung des Gemeinwesens verantwortlichen Politikern anzulasten ist. Eine Volldeckung der Banknoten und der Geldsubstitute wäre nur aus ordnungspolitischen Erwägungen ableitbar. Einen derartigen Staatseingriff lehnen die bekanntesten Vertreter der Österreichischen Schule, insbesondere der seit Murray Rothbard vorherrschende anarchistische Zweig, jedoch aus prinzipiellen Überlegungen ab.

Daher ist es nicht nachzuvollziehen, wie der Autor auf Grundlage seiner eigenen geldtheoretischen Position die industrielle Revolution verteidigen kann. Prof. Hülsmann weist in seiner Kritik der Peel’s Act von 1844 selbst darauf hin, daß die

„ungedeckte Notenausgabe […] zwar hinfort unmöglich [war], aber das Depositengeschäft florierte wie nie zuvor. An die Stelle der Banknoten traten Schecks und Sichtwechsel (und in neuerer Zeit Kreditkarten u. Ä.), aber die Folgen blieben die gleichen wie zuvor: Preisinflation, Umverteilung durch die Geldproduktion und regelmäßig wiederkehrende Krisen.“ (S. 23)

Nach Auffassung des Rezensenten wäre die industrielle Revolution ohne Teilreservebankensystem niemals in dem Ausmaß und in der Geschwindigkeit finanzierbar gewesen. Wie die Bankengründungen des 19.Jahrhunderts zweifelsfrei belegen, hatten diese vor allem die Förderung der Industrialisierung und des internationalen Handels zum Ziel. Deswegen stellt – vereinfacht gesagt – die Verteidigung der industriellen Revolution, ja ganz allgemein des neuzeitlichen Wirtschaftsaufschwungs bei gleichzeitiger Ablehnung des Teilreservebankensystems einen unaufhebbaren Widerspruch dar. Die Ausstattung breiter Massen der Gesellschaft mit Geld erfolgte ja gerade auch durch die sprunghafte Ausweitung der von den Geschäftsbanken inflationär geschöpften Giralgeldmenge.

Äußerst wertvoll ist das Kapitel zur Deflationsphobie, worunter Prof. Hülsmann die (irrationale) Angst vor dem sinkenden Preisniveau verstanden wissen will. Überzeugend legt er dar, daß ein sinkendes Preisniveau „[d]urch hohe Schulden – und nur durch hohe Schulden – […] zu einer gesellschaftlichen und politische Zerreißprobe“ (S. 95) werden. Schließlich erhöht ein sinkendes Preisniveau die reale Schuldenlast. Als Vertreter des geldtheoretischen Metallismus sind selbst stark schwankende Preisniveaus für Prof. Hülsmann weder ein ökonomisches noch ein ethisches Problem, weil dem Geld nicht die Funktion zugewiesen wird, die Wertgleichheit beim indirekten Tausch sicherzustellen. Geldpolitische Zielgröße ist allein die Volldeckung der zirkulierenden Banknoten und sämtlicher anderer Geldsubstitute.

Methodischer Schwachpunkt des Buches ist der von Prof. Hülsmann vertretene anthropologische Individualismus, der dem Menschenbild der Aufklärung entspricht und deswegen in Grundlegendem von der abendländischen Tradition abweicht. Als eine Folge dieses Individualismus und in Kombination mit dem relativistischen Werte-Subjektivismus muß Prof. Hülsmann zum pseudo-objektiven Kriterium der Nutzenmaximierung als Handlungsmotiv der Wirtschaftsakteure zurückgreifen, das noch dazu einengend als Einkommensmaximierung gedeutet wird. Diese Position widerspricht noch dazu eindeutig dem Wertneutralitätspostulat der Österreichischen Schule, wobei jedoch anzumerken ist, daß diese eklatante Inkonsequenz unter den Vertretern der Österreichischen Schule allgemein verbreitet ist.

Als ein Ausfluß dieser Einengung werden wirtschaftliche Handlungen viel zu sehr auf mit Geld abgewickelte Tauschtransaktionen reduziert. Dies führt beispielsweise zu der höchst zweifelhaften Schlußfolgerung, daß das Voranschreiten der industriellen Fertigung und das Zurückdrängen des Handwerks an sich ein Ausdruck höheren Wohlstandes sei. (S. 44f.; S. 113.) Dagegen würden wohl die meisten unvoreingenommenen Beobachter den industriell gefertigten Kasten von Ikea oder einen gesichtslosen Wolkenkratzer mit einer armen Gesellschaft, einen reich verzierten Bauernschrank oder eine gotische Kathedrale mit einer vergleichsweise wohlhabenden Gesellschaft in Verbindung bringen.

Die von Prof. Hülsmann vertretene Auffassung einer natürlichen Wirtschaft ist folglich die einer individualistischen Wettbewerbswirtschaft bzw. einer Privatrechtsgesellschaft, während nach abendländischer Auffassung die Natur des Menschen gerade darin liegt, nach Tugendhaftigkeit zu streben, in Geselligkeit, d.h. gerade auch in einem Staat zu leben, das Geschenk des Lebens weiterzugeben und Erkenntnis über Gott zu gewinnen. Das letzte Ziel der menschlichen Existenz liegt nicht in der Maximierung des Nutzens oder in der Sicherstellung größtmöglicher individueller Freiheit, sondern in der Erlangung der ewigen Glückseligkeit.

Angesichts der Dringlichkeit einer breiten Debatte über die Neugestaltung des Geldsystems ist es außerordentlich bedauerlich, daß das Schlußkapitel „Grundsätze einer liberalen Währungsreform“ mit knapp sieben Seiten Länge eindeutig zu kurz geraten ist. Die einführende Zusammenstellung läßt deswegen mehr Fragen offen als sie beantwortet. So kann die Forderung, daß „[n]iemand […] den Münzprägern vorschreiben [soll], wie sie ihre Münzen zu prägen haben,“ (S. 289) wohl nicht bedeuten, daß die Namensrechte bereits im Umlauf befindlicher Metallmünzen wie des Philharmonikers nicht mehr geachtet zu werden brauchen. Und die von Prof. Hülsmann in einer freien Gesellschaft erwartete Herausbildung einer Parallelwährung, bei der zwei oder mehrere Metallgelder in einer Jurisdiktion frei fluktuieren, hat wie jede andere Währungsordnung auch einige Nachteile. Falls etwa das Einkommen in Goldgeld ausgezahlt wird, die Ausgaben jedoch mit Silbergeld zu begleichen sind, trägt der Arbeitnehmer das Wechselkursrisiko.

Gerade weil das Geld heutzutage im Alltag eine so große Bedeutung besitzt, ist eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen unterschiedlicher Geldsysteme von großer Wichtigkeit. Für die im kommenden Jahr geplante englische Fassung wäre deswegen eine detailreichere Darstellung der „Grundsätze einer liberalen Währungsreform“ wünschenswert, selbst wenn der Rezensent die Auffassung vertritt, daß die Richtschnur für gesellschaftliche Institutionen das Gemeinwohl und nicht die Maximierung individualistischer Freiheitsgrade ist.

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