Ist das neuzeitliche Bankensystem eine „Struktur der Sünde“?

von Gregor Hochreiter

Auf den ersten Blick mag diese Fragestellung auf den Leser befremdlich wirken. Was hat die religiöse Kategorie der Sünde im weltlichen Bereich des Bankengeschäfts zu suchen? Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Auffassung, daß auf lange Sicht die in einer Gesellschaft bestehenden Institutionen dem Gesamt der gesellschaftlichen Handlungen und der vorherrschenden Ideen entsprechen. Unsere Institutionen hängen nicht frei in der Luft sondern werden von den Menschen und damit von den in einer Gesellschaft dominierenden Ideen und Sehnsüchten geformt. Somit hat jede Gesellschaft die Institutionen, die sie verdient und damit auch jenes Bankensystem, das es verdient. Mit anderen Worten: Zeigt mir eure Institutionen und ich sage euch, was euch wichtig ist.

Zur Klärung der im Titel aufgeworfenen Frage werden wir zunächst zwei Charakteristika des neuzeitlichen Bankensystems näher beleuchten, nämlich die so genannte Teilreservehaltung und die Zinsenerlaubtheit. In einem zweiten Schritt werden wir den vom sel. Papst Johannes Paul II. geprägten Begriff der „Struktur der Sünde“ vorstellen und in einem dritten Schritt die Eingangsfrage, ob das neuzeitliche Bankensystem als Struktur der Sünde zu bezeichnen ist, beantworten.

1.) Charakteristika des neuzeitlichen Bankensystems[1]

a) Die Teilreservehaltung
Eine der Funktionen, die das neuzeitliche Bankensystem erfüllen soll, ist die so genannte Fristentransformation. Kurzfristige Einlagen sollen in längerfristige Kredite verwandelt werden. Im Englischen ist diese Vorgehensweise unter dem Schlagwort „borrow short – lend long“ (dt. „leihe kurzfristig – verleihe langfristig“) bekannt.

Zur Fristentransformation werden nicht nur Spar- und Termineinlagen herangezogen. Bei dieser Einlageform verzichtet der Sparer vorübergehend auf die Verfügungsgewalt über sein Geld. Er kann erst nach Ablauf der Bindungsfrist wieder auf dieses zurückgreifen. Der Fristentransformation zugeführt werden allerdings auch die täglich fälligen Sichteinlagen, obwohl der Bankkunde auf diese Geldmittel jederzeit zugreifen kann. Dadurch stehen dem Publikum deutlich mehr Kredite zur Verfügung als es sonst der Fall wäre.

Weil ein Großteil der täglich fälligen Sichteinlagen in langfristigen Krediten gebunden ist, halten die Geschäftsbanken infolge dieses Geschäftsmodells immer nur einen Bruchteil der täglich fälligen Sichteinlagen als Reserve vorrätig. Wenn das Publikum das Vertrauen in die Geschäftsbank verliert und seine Guthaben sich ausbezahlen läßt oder auf das Konto einer anderen Bank überweist, droht der Bank der Bankrott. Sie kann dem Auszahlungsbegehr der Kunden nicht mehr nachkommen.

Rechtlich bedeutsam ist die Frage, ob die Geschäftsbank die bei ihr hinterlegten täglich fälligen Sichteinlagen überhaupt verleihen darf. Diese Frage ist zu bejahen, weil aufgrund der Sammelverwahrung die Geschäftsbank Eigentümerin der hinterlegten Gelder wird. Sie ist daher eigentumsrechtlich nicht verpflichtet, eine 100%-Reserve zu halten. Ihre Verpflichtung besteht lediglich darin, einem tatsächlich geäußerten Auszahlungsbegehr sofort und unverkürzt nachzukommen. Die Festlegung der Barreserve ist somit grundsätzlich der klugen und umsichtigen Unternehmensführung des Bankiers überlassen, ebenso der Grad der Fristeninkongruenz bei den gebundenen Spar- und Termineinlagen. [2]

b) Die allgemeine Erlaubtheit der Zinsennahme[3]
Ein weiteres Charakteristikum des neuzeitlichen Wirtschaftens ist die allgemeine Erlaubtheit der Zinsennahme. Unter Zinsen hat die Tradition immer den Aufschlag auf ein Darlehen kraft eines Darlehens verstanden. Den Tatbestand der Zinsennahme begeht, wer mehr zurückverlangt als er ursprünglich verliehen hat, wer also zum Beispiel 1 kg Mehl verleiht aber 1,1 kg Mehl gleicher Art und Güte rückerstattet bekommen will. Die Zinsen stellen ein arbeits- und risikoloses Einkommen dar und verstoßen gegen die Gerechtigkeit.

Doch nicht jeder Aufschlag auf ein Darlehen ist eine verbotene Zinsennahme. Die gerechtfertigten Aufschläge werden für gewöhnlich als Interesse bezeichnet. Dieser Begriff leitet sich aus dem römischen Terminus für Schadenersatz – „id quod interest“ – ab. Gerechtfertigte Aufschläge sind z.B. Verzugszinsen, Aufwandsentschädigungen oder eine Risikoprämie. Ausgeglichen werden darf auch der durch die Teuerung bewirkte Kaufkraftverlust. Darüber hinausgehende Aufschläge sind Zinsen und damit unstatthaft. Ebenfalls gestattet ist die Gewinnbeteiligung, weil der Investor das unternehmerische Risiko mitträgt. Schließlich verliert er im Falle eines Verlustes sein investiertes Kapital, während die Forderung des Darlehensgebers unabhängig vom Geschäftserfolg besteht.

2) Strukturen der Sünde

Der Katechismus der Katholischen Kirche definiert das Wesen der Sünde wie folgt:

„Die Sünde ist ein Verstoß gegen die Vernunft, die Wahrheit und das rechte Gewissen; sie ist eine Verfehlung gegen die wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten aufgrund einer abartigen Anhänglichkeit an gewisse Güter. Sie verletzt die Natur des Menschen und die menschliche Solidarität. Sie wurde definiert als „ein Wort, eine Tat oder ein Begehren im Widerspruch zum ewigen Gesetz.“ (Augustinus, Faust. 22, 27) (Nr. 1849)

Sündhaftes Verhalten ist somit jenes Verhalten, daß nicht dem Menschen gemäß ist, weil es gegen die von Gott eingesetzte Ordnung der Dinge verstößt. Die Sünde bringt den Menschen von seinem Ziel ab, das nach christlicher Auffassung in der Erlangung des ewigen Seelenheils liegt. „Ein Wort, eine Tat oder ein Begehren“ wider die Liebe Gottes gereicht dem Menschen nicht zum Heil.

Eine Sünde begehen kann nur die jeweils konkrete Person. Sie allein ist Trägerin moralischer Akte. Durch das regelmäßige Begehen einer Sünde kann sich die Person an die Sünde gewöhnen, sie wird lasterhaft. Ebenso kann sie sich durch das beständige Üben des Guten die Tugendhaftigkeit erwerben, wobei die übernatürliche Tugend der Liebe die höchste Form der Tugendhaftigkeit darstellt, schließlich ist Gott selbst die Liebe.

Was ist dann unter einer „Struktur der Sünde“ zu verstehen? In der 1987 veröffentlichten Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ (dt. „Die soziale Sorge“) spricht der sel. Papst Johannes Paul II. über die „Strukturen der Sünde“:

„Mit dieser Analyse wollte ich vor allem die wahre Natur des Bösen aufzeigen, mit der wir es bei der Frage der Entwicklung der Völker zu tun haben: Es handelt sich um ein moralisches Übel, die Frucht vieler Sünden, die zu „Strukturen der Sünde“ führen. Das Böse so zu erkennen bedeutet, auf der Ebene menschlichen Verhaltens den Weg genau anzugeben, den man gehen muß, um es zu überwinden.“ (Nr. 37; Hervorhebung G.H.)

An dieser Stelle verweist Johannes Paul II. auf sein drei Jahre zuvor erschienenes Apostolisches Schreiben „Reconciliatio et Paenitentia“, in dem er den häufig mißverstandenen Begriff der „sozialen Sünde“ einführt:

„Wenn die Kirche von Situationen der Sünde spricht oder bestimmte Verhältnisse und gewisse kollektive Verhaltensweisen von mehr oder weniger breiten sozialen Gruppen oder sogar von ganzen Nationen und Blöcken von Staaten als soziale Sünden anklagt, dann weiß sie und betont es auch, daß solche Fälle von sozialer Sünde die Frucht, die Anhäufung und die Zusammenballung vieler personaler Sünden sind. Es handelt sich dabei um sehr persönliche Sünden dessen, der Unrecht erzeugt, begünstigt oder ausnutzt; der, obgleich er etwas tun könnte, um gewisse soziale Übel zu vermeiden, zu beseitigen oder wenigstens zu begrenzen, es aus Trägheit oder Angst, aus komplizenhaften Schweigen oder geheimer Beteiligung oder aus Gleichgültigkeit doch unterläßt; der Zuflucht sucht in der behaupteten Unmöglichkeit, die Welt zu verändern, und der sich den Mühen und Opfern entziehen will, indem er vorgebliche Gründe höherer Ordnung anführt. Die wirkliche Verantwortung liegt also bei den Personen. Eine Situation ebenso wie eine Institution, eine Struktur, eine Gesellschaft – ist an sich kein Subjekt moralischer Akte; deshalb kann sie in sich selbst nicht moralisch gut oder schlecht sein.“ (Nr. 16; Hervorhebung im Original)

Der Begriff der „sozialen Sünde“ bzw. der „Struktur der Sünde“ bedeutet nicht, daß die Strukturen oder die Gesellschaft als solche sündigen. Unmißverständlich weist Johannes Paul II. darauf hin, daß nur der einzelne Mensch Subjekt und Träger moralischer Akte ist. Kardinal Höffner fand dafür folgende einprägsame Formulierung: „Peccat homo, non structura“ (dt. „Der Mensch sündigt, nicht die Struktur.) Ausgangspunkt und Entstehungsursache von „sozialen Sünden“ bzw. „Strukturen der Sünde“ sind also immer personale Sünden. Die Eigenverantwortlichkeit der einzelnen Person für ihre Handlungen wird keinesfalls gemindert.

Wenn sich aber bestimmte sündhafte Handlungen in der Gesellschaft ausbreiten und verfestigen und in weiterer Folge Strukturen hervorbringen, die diese gesamtgesellschaftliche Abirrung institutionalisieren, dann können wir von „Strukturen der Sünde“ oder einer „sozialen Sünde“ sprechen. „Strukturen der Sünde“ bilden sich also dann und nur dann, wenn sich spezifische personale Sünden durch „Anhäufung“ und „Zusammenballung“ in der Gesellschaft verbreiten.

Folgende zwei in der Gegenwart besonders einflußreiche sündhaften Verhaltensweisen  nennt Johannes Paul II. in „Sollicitudo rei socialis“ : die „Gier nach Profit“ und das „Verlangen nach Macht mit dem Vorsatz, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen“. (Nr. 37)

Die Gier nach unternehmerischem Gewinn um jeden Preis ist ein Spezialfall der Habgier, worunter das „ungezügelte Streben nach Besitz“ (Thomas von Aquin) zu verstehen ist. Nicht das Streben nach äußeren bzw. materiellen Gütern an sich ist sündhaft. Der Mensch benötigt die äußeren Güter zum Leben und weil alles Geschaffene gut ist und alles Lebendige danach strebt, sein Leben zu erhalten, so sollen auch die materiellen Güter dem Menschen in seinem Streben nach Tugendhaftigkeit und Heiligkeit unterstützen. Es ist das maß-lose Streben nach äußeren Gütern, das der Habgier entspricht.

Nach und nach verletzt die Habgier alle drei Dimensionen der Gerechtigkeit, nämlich 1.) die  horizontale gegen die Mitmenschen, weil diesen die ihnen zustehenden Güter vorenthalten bzw. weggenommen werden; 2.) gegen Gott, die vertikale Dimension der Gerechtigkeit, weil der Habgierige in seinem grenzenlosen Streben nach materiellen Gütern, ein „Noch-Mehr“ ist theoretisch immer möglich, seine Pflichten gegenüber Gott vernachlässigt. Mit anderen Worten: der Habgierige überbetont die vergänglichen Güter und setzt die ewigen Güter herab. Weil aber die Gerechtigkeit darin besteht, jedem das Seine zu geben, handelt der Habgierige auch in dieser Hinsicht ungerecht. Dadurch gefährdet er sein Seelenheil, weil die Bestimmung der vergänglichen Güter in ihrer Hinordnung auf die ewigen Güter liegt. Der Habgierige handelt aber 3.) auch ungerecht gegen seine Seele, die dritte, innere Dimension der Gerechtigkeit, weil er diese auf das falsche Ziel ausrichtet, nämlich die Anhäufig von materiellen Gütern um ihrer selbst willen. Das Streben der Seele nach Ruhe und Glückseligkeit kann ihre Erfüllung aber nur in der Ausrichtung auf Gott finden, nicht in der zügellosen Begierde nach materiellen Gütern. Mit anderen Worten: die ewige Ruhe, nach der sich unsere Seele sehnt, kann unmöglich in vergänglichen Gütern gefunden werden.

Weitere Aufklärung liefert uns der meist mit derselben Bedeutung versehene Begriff der Habsucht. Der Wortteil „Sucht“ weist schon darauf hin, daß die ungeordnete Besitzliebe den Menschen, der, sofern er tugendhaft handelt, Herr über seine Triebe und Leidenschaften ist, versklavt. Er ist durch sein ungezügeltes Besitzstreben ein Getriebener, der von außen bewegt wird, in Fall der Habsucht von den materiellen Gütern.

Der Begriff „Sucht“ stammt ursprünglich ab von „siechen“, was soviel bedeutet wie „erkrankt sein.“ Der Habsüchtige leidet an einer Erkrankung der Seele, die sich in der Fehlorientierung letztlich weg vom höchsten Gut und hin zu einem untergeordneten Gut zeigt. Der Habsüchtige sucht sein Heil in der Habe. Wir können davon sprechen, daß der Süchtige den Gegenstand seiner Sucht zu einem Götzen erhebt, ihm alles unterordnet, ihm letztlich auch sein Leben opfert.

In 1 Tim 6,10 heißt es: „Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht.“ Die Vulgata verwendet an dieser Stelle für den Begriff „Habsucht“ das Wort „cupiditas“, die  Begierde des Fleisches, d.h. nicht das von der Vernunft geordnete und der Tugend gemäßigte, legitime Verlangen nach materiellen Gütern.

Alkuin von York, ein Theologe am Hofe von Karl des Großen hält in diesem Sinne fest: Die Habsucht ist

„die Begierde, zu viel Reichtümer zu erlangen, zu haben und zu behalten, was ein unersättliches Verderben ist. Wie der Wassersüchtige, der, je mehr er trinkt, um so mehr nach Wasser verlangt, so will die avaritia (dt.: Habsucht) umso mehr erlangen, je mehr sie schon erlangt hat.“

3) Was hat das alles mit dem neuzeitlichen Bankensystem zu tun?

Zu belegen ist noch, daß das neuzeitliche Bankensystem sowohl auf Seiten des Kreditgebers als auch auf Seiten des Kreditnehmers von der Habgier getrieben ist, denn nur dann wäre das neuzeitliche Bankensystem als „Struktur der Sünde“ zu bezeichnen.

Das eigentliche Bankengeschäft ist die Vermittlung von Krediten. Daher haben wir zwei Geschäftsbeziehungen zu untersuchen. Erstens: die Einlage des Kunden bei der Bank[4] und zweitens die Kreditvergabe der Bank an einen Kreditnehmer. Kreditgeber sind daher erstens die Kunden der Bank und zweitens die Bank, Kreditnehmer erstens die Bank und zweitens die Schuldner der Bank.

Relativ einfach zu beurteilen ist das heute übliche Verlangen nach Zinsen, also nach einem arbeits- und risikolosen Einkommen, zu beurteilen. Das Verlangen nach Zinsen wird in der Tradition der Habgier zugeordnet. Dieses Verlangen nach möglichst hohen Aufschlägen auf die Einlagen bzw. die Kredite ist heute die Norm. Im wirtschaftlichen Handeln, so die weit verbreitete Ansicht, soll jeder Akteur versuchen, möglichst günstig einzukaufen und möglichst teuer zu verkaufen.[5] „Ich hab doch nichts zu verschenken“ –  mit diesem Slogan bewirbt der ehemalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda bezeichnenderweise die hohen Einlagezinsen der ING-Diba.

Betrachten wir zweitens die Kreditvergabe der Banken etwas genauer. Ein die kaufmännische Vorsicht ernstnehmender und maßhaltender Bankier würde den überwiegenden Gutteil seiner Sichteinlagen in Bargeld vorrätig halten. Die fristgemäße und unverkürzte Erfüllung seiner Verbindlichkeiten ist ihm ein hohes Gut. Der Gedanke, aufgrund eigenen Fehlverhaltens oder eigener Fehleinschätzung dem gerechtfertigten Auszahlungsbegehr des Kunden nicht nachkommen zu können, ist ihm ein Greuel. Die Nichterfüllung des rechtmäßigen Auszahlungsbegehrs würde in einer Gesellschaft, in der kluges und umsichtiges Handeln hochgehalten wird, zudem scharf geahndet werden und zwar rechtlich durch zivilrechtliche Schadenersatzansprüche und strafrechtliche Sanktionen wie auch gesellschaftlich durch Ansehens- und Ehrverlust. Daher würde die Bilanz der Geschäftsbanken eine sehr hohe Fristenkongruenz aufweisen. Die Laufzeit der von der Bank gegebenen Kredite würde nicht systematisch und in eklatantem Ausmaße von der Laufzeit der Sicht- und Spareinlagen abweichen.

Darüber hinaus würden die Kunden bereitwillig der Bank die anfallenden Kosten bezahlen und nicht gemäß der „Geiz ist geil“-Mentalität die Unternehmer gegeneinander ausspielen, um die Kosten der Kontoführung möglichst stark zu drücken.

Dagegen erkennt der das Gewinnmaximierungspostulat befolgende, d.h. der habgierige Banker – wie sein umsichtiger Kollege –, daß nicht alle Sichteinlagen jederzeit abgehoben werden. Im Unterschied zu seinem tugendhaften Kollegen beginnt er jedoch die subjektiv überschüssigen Barreserven im großen Stil als Kredit zu vergeben. Er will das unfruchtbar in den Tresoren liegende Metall bzw. Papiergeld gewinnbringend einsetzen. Getrieben vom ungezügelten Besitzstreben verläßt der die Barreserve aus einem lasterhaften Motiv herabsetzende Banker den Pfad der Tugend und beginnt eine tollkühne Geschäftspolitik zu etablieren. (Die allgemeine Zinsenerlaubtheit begünstigt die Herabsetzung der Barreserve, weil das sichere Zinseneinkommen die Barreserve mit zusätzlichen Opportunitätskosten versieht.)

Was aber nun, wenn es sich beim wagemutigen Verleihen von Sichteinlagen nicht um einen Einzelfall handelt sondern um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen? Alle Banken wollen den Großteil ihrer Sichteinlagen verleihen. Dann hätte sich hinsichtlich des bewußten Eingehens von hohen Geschäftsrisiken aus Gründen der Gewinnmaximierung die für die Herausbildung einer „Struktur der Sünde“ nötige Umgestaltung des Kreditangebots vollzogen.

Damit sich dieses Kreditangebot aber tatsächlich in eine Kreditvergabe übersetzt und sich eine „Struktur der Sünde“ tatsächlich herausbildet, muß auch die allgemeine Kreditnachfrage zunehmen. Ein Angebot, das auf keine Nachfrage trifft, verpufft.

Und in der Tat fragen mittlerweile alle drei Sektoren – Privathaushalte, Unternehmen, Staat – fortwährend Kredite nach, weil mit den laufenden Einnahmen nicht das Auslangen gefunden werden will. Vom Unternehmer wird geradezu erwartet, daß er durch die kreditfinanzierte Hebelung seines Eigenkapitals schneller wächst als es sonst der Fall gewesen wäre, um derart die „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) und den revolutionären Marktprozeß voranzutreiben. Die Bürger verschulden sich, um frühzeitig eine Wohnung zu erwerben und die neuesten technischen Geräte zu kaufen. Die Parteien versuchen die Wähler mit aus den laufenden Einnahmen unfinanzierbaren Wahlversprechen zu bestechen und die Wähler, dies sei an dieser Stelle explizit erwähnt, sind nicht bereit, zur Konsolidierung des Staatshaushaltes auf staatliche Transfers zu verzichten.

Die biblische Warnung – „Der Schuldner ist seines Gläubigers Knecht“ (Spr 22, 7) – wird in den Wind geschlagen. Die für die Gegenwart typischen Kurzsichtigkeit überbetont die durch die Kreditaufnahme errungene, vorübergehend höhere Kaufkraft und die damit verbundenen Chancen und erfreut sich an dieser Schein-Freiheit.

Insofern ist also davon zu sprechen, daß die gesamte Gesellschaft dem Laster der Maßlosigkeit verfallen ist. Manche Teile der Gesellschaft mehr, manche Teile weniger – aber wer Maß hält, gilt als altbacken, (struktur-)konservativ und fortschrittsfeindlich. Das Geld- bzw. Bankensystem bildet diese gesamtgesellschaftliche Verirrung gleichermaßen ab und verstärkt sie, indem sie die Droge Kredit der Gesellschaft in reichlichem Ausmaß zur Verfügung stellt.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist leicht zu erklären, warum die Banken mit unvorstellbaren Summen an Steuergeldern vor dem Bankrott gerettet wurden und vor allem, warum der bisherige Widerstand der Bevölkerung gegen diesen Subventionsfluß endenwollend ist. Unbeschadet des moralischen Versagens insbesondere der politischen Elite, die in besonderer Weise für das Gemeinwohl verantwortlich zeichnen, ahnt zumindest unterschwellig das Gros der Bevölkerung, daß mit dem Zusammenbruch der Banken die liebgewonnene Lebensweise des Lebens auf Pump und der fortwährenden Steigerung der Annehmlichkeiten ein jähes Ende fände.

Fazit:

Gesellschaftliche Institutionen spiegeln das in einer Gesellschaft vorherrschende Gesamt an Ideen und Handlungen wider und verstetigen diese. Die Rückkehr zur Tugendhaftigkeit ist daher in Zeiten, in denen „Strukturen der Sünde“ existieren umso schwieriger, weil die gesellschaftlichen Institutionen anstatt den Menschen in seinem Streben nach Tugendhaftigkeit zu unterstützen die Lasterhaftigkeit fördern. Gleichsam gilt aber, daß in solchen Zeiten das Durchbrechen dieser „Strukturen der Sünde“ bzw. „sozialen Sünde“ umso wichtiger ist.

Dies bedeutet wiederum, daß nur mit der Rückgewinnung der Tugendhaftigkeit, insbesondere der Kardinaltugenden der Gerechtigkeit und des Maßhaltens, die Banken von der Bereitstellung exzessiver Kreditmittel entlastet werden. Es muß wieder zur Norm werden, daß sich jeder Einzelne und jede Familie, von Menschen in existentiellen Notsituationen ausgenommen, mit dem eigenen Einkommen bescheidet. Dies gilt selbstverständlich auch für die Unternehmen und den Staat.

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[1] Für eine umfassende Darstellung sei auf die zweiteilige Publikation zum „Neuzeitlichen Bankensystem“ verwiesen.
[2] Heutzutage hat die Zentralbank das Recht, den Geschäftsbanken den Mindestreservesatz vorzuschreiben. Aktuell liegt dieser bei 1% der reservepflichtigen Einlagen. Zu diesen zählen nicht nur die täglich fälligen Sichteinlagen sondern auch Einlagen mit einer vereinbarten Laufzeit bzw. mit einer vereinbarten Kündigungsfrist von bis zu 2 Jahren. Der Mindestreservesatz bedeutet aber nicht, daß die Geschäftsbanken 99% der Einlagen verleihen müssen, sondern nur, daß nicht mehr als 99% der Einlagen verliehen werden dürfen.

[3] Für eine umfassende Darstellung sei auf die Publikation „Die abendländische Lehre vom Zinsenverbot“ verwiesen.
[4] Der Einfachheit halber werden wir die Sichteinlage und Termineinlage im Folgenden nicht trennen.
[5] In konkreten Einzelfall ist die Beurteilung wesentlich komplexer. Die Schadloshaltung gegen den heute üblichen Kaufkraftverlust des Geldes hat defensive Natur und ist somit als gerechtfertigtes Interesse und nicht als ungerechtfertigte Zinsen einzustufen.

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