Zitate: Über den Naturrechtsbegriff

Aus: Jakob Fellermeier: Das Naturrecht und seine Probleme

Verlag: Christiana-Verlag, Stein am Rhein, 1.Auflage 1980.

  • „Es lassen sich zum mindesten drei grundverschiedene Naturrechtsbegriffe unterscheiden: der aufklärerisch-individualistische Naturrechtsbegriff, der rationalistische Naturrechtsbegriff und der metaphysische Naturrechtsbegriff.“ (S. 3)
  • Trotz der ganz verschiedenen Konsequenzen, zu denen die Naturrechtslehren von Hobbes und Rousseau führten, ist beiden gemeinsam, daß sie 1. von einem fiktiv angenommenen Naturzustand des Menschen ausgingen; 2. unter Naturrecht ein subjektives Recht, das Recht auf Freiheit verstanden; 3. alle innerhalb der Gesellschaft geltenden Gesetze nur positive Gesetze sind, wie auch der Staat durch positiven Vertrag zustandegekommen ist; und 4. das positive gesellschaftliche Recht, wie schon die Gesellschaft selber, notwendige Einschränkungen des Naturrechts darstellen und somit im Gegensatz und nicht in einem positiven Verhältnis zum Naturrecht stehen. (S. 6)
  • Diese wesenhaften Seinsbeziehungen [Gott-Mensch, Mensch-Mensch, Mensch-Seele] bilden das metaphysische Naturrecht im weiteren Sinn, d.h. die sittliche Naturordnung, insofern sie Norm ist für das Verhalten des Menschen Gott gegenüber, für alle Betätigungen, die sich auf die Erhaltung und Ausgestaltung des eigenen Seins beziehen, wie Ernährung und Fortpflanzung, leibliche und geistige Bildung, und für die konkrete Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Diese Seinsordnung ist zugleich Sollensordnung, da ihre Einhaltung von Gott gewollt und dem Menschen als verpflichtend auferlegt ist. Diese Verpflichtung äußert sich in der Stimme des Gewissens, die dem Menschen ganz allgemein befiehlt, das Gute, d.h. das diesen Wesensbeziehungen Entsprechende zu tun, und das Böse, nämlich was dieser Wesensordnung widerspricht, zu meiden. (S. 8)
  • Dieses metaphysische Naturrecht unterscheidet sich vom rationalistischen Naturrecht dadurch, daß es nicht von subjektiven angeborenen Begriffen, sondern vom objektiven Sein ausgeht; es ist eine zur Sollensordnung erhobene Seinsordnung. Der Unterschied zum aufklärerischen Naturrecht besteht darin, daß es erstens auf einer wirklich bestehenden Ordnung und nicht auf einem fiktiv angenommen Naturzustand fußt, und zweitens nicht ein subjektives Recht, sondern eine objektive Normenordnung meint. […] So ersteht aus den Rechten, die das Eigentum verleiht, die Pflicht der anderen, diese Rechte zu respektieren. Anderseits bedingt z.B. die Pflicht der Eltern für ihre Kinder zu sorgen, deren Recht auf Unterhalt. (S. 9)
  • „Seit Kant Recht und Sittlichkeit endgültig voneinander getrennt hat, indem er für die Gesetze der Sittlichkeit Erfüllung um ihrer selbst willen forderte, während die Rechtsgesetze sich mit der Sanktion als Motiv zufrieden geben und von der inneren Gesinnung absehen, wird allgemein, wenigstens von rechtspositivistischer Seite, das verpflichtende Moment der Rechtsgesetze in ihrem Zwangscharakter gesehen. Nur die Gesetze, die erzwingbar sind, gelten als Rechtsgesetze, die Kant definiert als „Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“ [Metaphysik der Sitten. Einleitung in die Rechtslehre. § B: Was ist Recht?] (S. 39)
  • Schon nach Thomas bedeutet die Wahlfreiheit mehr einen Mangel denn einen Vorzug. Sie ist nämlich dadurch bedingt, daß die irdischen Güter vom Verstand als Teilgüter, als mangelhafte Güter, erkannt werden und deshalb den Willen, der von Natur aus auf das umfassende Gut, die Glückseligkeit, die, konkret gesehen, Gott ist, gerichtet ist, nicht mit Notwendigkeit bestimmen können. (S. 40)
  • Das Naturecht ist „die vom Schöpfer der Natur zur verpflichtenden Norm erhobenen Seinsordnung.“ […] Zugleich erfüllt die sittliche Naturordnung auch den Anspruch eines jeden Gesetzes als „ordinatio ad bonum commune“. Sie ist von Gott aufgestellt zum Wohl der Menschen; sie ist keine unpersönliche, rein sachliche Ordnung, sondern hinter ihr steht der persönliche wohlwollende Wille Gottes. (S. 56)
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